Von Anfängerbabys und Anfänger-Eltern

 „Also wir haben das totale Anfängerbaby bekommen!“

„Unser Baby war ja nicht so das Anfängerbaby.“

Beide Sätze habe ich so erst vor kurzem gehört – und da geht in meinem Kopf direkt das „Schubladen-denken“-Warnsignal an.

Warum ich den Begriff „Anfängerbaby“ schwierig finde

Mit dem Begriff „Anfängerbaby“ geht in meinen Augen der unausgesprochene Gedanke einher, dass es wohl zwei mögliche Kategorien für Neugeborene geben muss. Da sind auf der einen Seite eben die sogenannten „Anfängerbabys“, die alles gut mitmachen, gut essen und gut schlafen, sich überall ablegen und jederzeit schnell beruhigen lassen. Und auf der anderen Seite sind diejenigen, die wohl eher nicht für „Anfänger“ geeignet sind. Die komplizierten, mit denen es nicht leicht ist. Die, die einen Haufen Schwierigkeiten mit sich bringen, bei denen man an seine Grenzen kommt und nicht weiß was sie wollen. Natürlich ist das sogenannte „Anfängerbaby“ wünschenswert, gerade dann, wenn es das erste Kind ist und die Eltern „wahre Anfänger“ sind.

Raus aus dem Schubladendenken

Sicherlich ist der Begriff gar nicht böse gemeint, sondern eher bewundernd oder bestätigend, den Eltern das Gefühl geben, dass sie einfach alles richtig machen. Aber ist das nicht ein bisschen kurz gedacht? Wer weiß denn, ob das „Anfängerbaby“ nicht in 2 Monaten zum Schreihals mutiert? Und wer kann denn beurteilen, ob das Nicht-„Anfängerbaby“ vielleicht gute Gründe hat für seine Unzufriedenheit? Und bedeutet „Anfängerbaby“ dann nicht einfach nur: das Baby lässt alles mit sich machen, beschwert sich nie und verhält sich absolut unauffällig und unkompliziert? Ist das wünschenswert? Von keinem Erwachsenen würden wir ein solch angepasstes Verhalten erwarten – der Unterschied ist bloß, dass ein Erwachsener seine Anliegen in der Regel ganz moderat vortragen kann und wir dafür nicht sein Weinen interpretieren müssen.

Wir sollten unsere Babys so annehmen, wie sie sind

Ich denke wir können unseren Kindern zugestehen, dass sie richtige Menschen sind die mit einem Haufen Bedürfnissen und Gefühlen auf diese Welt kommen. Diese zu verstehen und zu ordnen und sich auf dieser Welt zurechtzufinden, kann schwierig sein, anstrengend und ermüdend – vor allem dann, wenn man grade aus einer gemütlichen Gebärmutter gekommen ist! Dafür dürfen wir unseren Kindern die Zeit und die Unterstützung geben, die sie brauchen – das mag bei manchen schneller gehen als bei anderen, aber irgendwann werden sie alle hier ankommen. 

Wir sind alle immer "Anfänger"

Hinzu kommt, dass wir Eltern doch eigentlich immer Anfänger sind! Egal wie viele Kinder man hat, ob es das erste oder das fünfte ist – wir waren noch nie zuvor in dieser Situation! Die Familien-Konstellation ist immer neu und unterliegt ständiger Veränderung. Man mag sich einmal fragen: Wie viele Kinder würde ich brauchen (rein hypothetisch) um mich in meiner Mutter-/Vater-Rolle tatsächlich erfahren zu fühlen und kein „Anfänger“ mehr zu sein? Wann hätte ich so viel Erfahrung, dass ich auf alle Eventualitäten vorbereitet wäre und mich absolut sicher fühlen würde (auch im Umgang mit einem nicht-„Anfängerbaby“)? Diese Anzahl an Kindern und diesen Gemütszustand werden wahrscheinlich nur wenige erreichen – und das brauchen wir auch gar nicht. Es ist nichts Schlimmes, wenn wir Eltern die „Anfänger“ sind, denn auch wir wachsen mit und an unseren Kindern. Wir dürfen Fehler machen und auch mal zweifeln, denn nur dadurch sammeln wir Erfahrungen und können es beim nächsten Mal anders machen. Dann benutzen wir nämlich nicht nur zwei große Schubladen für Neugeborene und ihre Eltern, sondern noch eine ganze Menge kleine Schubladen dazwischen! Niemand ist perfekt und niemand muss es sein. Wir dürfen alle voneinander lernen.

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